»UNgehindert« von einer Graswurzelbewegung selbstbestimmt aktiver Menschen mit Behinderungen zu einem Disabled Persons Social Entrepreneurship
Mehr als nur es war einmal

Im Frühling 2016 formierte sich vor allem ausgehend von Berliner Behindertenrechtsaktivistinnen und Behindertenrechtsaktivisten bei der großen Demonstration mit ca. 3.000 Teilnehmenden am 5. Mai, zum Europäischen Protesttag eine neue Epoche des politischen Widerstand von selbstbestimmt aktiven Menschen mit Behinderungen zur Selbstvertretung. Vor dem Bundeskanzleramt ging damals ein Ruck durch die Szene bundesweit. Viele Aktionen folgten als Protest gegen die Ablehnung von Änderungen des Behinderten-Gleichstellungsgesetz BGG durch die regierende Große Koalition in Berlin. Später wurde das Bundesteilhabegesetz BTHG zum großen Streitpunkt zwischen der GroKo und den Protestierenden. Es war nun öfters der Begriff „Behindertenbewegung 2.0“ vor allem durch die Vernetzung der Betroffenen in den sozialen Medien zu hören.

Die Vor-UNgehindert-Zeit

Rolf Allerdissen, im sanft hügeligen Ravensberger Land in der Nähe von Bielefeld geboren, erkrankte in seiner späten Jugend, Mitte der 1980er an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung und wurde durch schwerste Verläufe immer wieder von der Teilhabe aus der Gesellschaft herausgerissen. In den Phasen in denen er körperlich stark eingeschränkt immer wieder auf die Barrieren der Verwaltung und der Gesellschaft traf benötigte er viel Leidensdruck und Selbsterkenntnis um sich ab 1994 gegen diese Form der Ausgrenzung zu wehren. In dem Jahr trat die Grundgesetzänderung des Artikel 3 „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ in Kraft. Dieses neue Credo nahm er sich zu eigen um verstärkt juristisch gegen die Ausgrenzung vorzugehen. Besonders in seiner Mobilität eingeschränkt klagte er erfolgreich gegen die Benachteiligung als Verkehrsteilnehmer im Bereich des Parkens und Haltens gegen das Land Nordrhein-Westfalen. Daraus entwickelte sich in Zusammenarbeit mit der Landesvorsitzenden NRW des DCCV e.V., Elsbeth Twelenkamp über eine Petition im Düsseldorfer Landtag eine Verwaltungsrichtlinie zur Ausnahmegenehmigung für Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Der sogenannte orange Parkausweis wurde dann in immer mehr Bundesländern anerkannt.

Rolf Allerdissen - PortraitVon NRW nach Sachsen

In Sachsen wurde das Kollektiv „BUMS! Behinderung und Menschenrechte in Sachsen ein Netzwerk“ gegründet. Der Leipziger Rolf Allerdissen, sogehtmenschlich.de vernetzte sich so über seine neue Heimatstadt Leipzig hinaus vor allem mit Jens Merkel, dem ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten des Landkreises Leipzig in Richtung der Landeshauptstadt Dresden.

Ab Mitte August 2016 sprach Rolf Allerdissen immer wieder mit Janine Kolbig von der ZSL Nord, damals beheimatet in Hamburg über die Forderungen, die von vielen Betroffenen offline und online an ihn herangetragen wurden. Viele Menschen mit Behinderungen seien nicht so mobil oder finanziell in der Lage stets nach Berlin zu reisen. Zwar seien sie gerne Teil der Demonstrationen aber nie so im Fokus der Pressevertreter wie z.B. Raul Krauthausen und andere „Promibehinderte“ um ihre Meinung auszudrücken,

Rolf Allerdissen mit Mikro auf einer Ungehindert DemoInnerhalb knapp drei Wochen, von der Idee bis zur Umsetzung

Rolf Allerdissen entwickelte deshalb als Ideengeber und Gründer am 1. September 2016 das Netzwerk UNgehindert, ein neues Format von Meinungskundgebungen selbstbestimmt aktiver Menschen mit Behinderungen bundesweit. Dieser Zeitpunkt der ersten Verwendung des Ausdrucks UNgehindert stand für selbstbestimmt aktive Menschen mit Behinderungen, deren Zugang zu ihren Rechten nach der UN-Behindertenrechtskonvention gehindert wurde. Die stets wertvolle Netzwerkerin Janine Kolbig ist in diesem Zusammenhang lobend zu erwähnen.

Am 9. September 2016, dem 50. Geburtstag des Motors der Bewegung, Rolf Allerdissen  wurde das Netzwerk verstärkt auf die Bundesbehindertenpolitische Bühne gehoben.

Ungehindert unterwegsIm Berliner Reichstag wurde bei der inklusionpolitischen Veranstaltung „Enthinderung mit Links“, der Bundestagsfraktion der DIE LINKE die Idee weiteren Interessierten vorgestellt. Neben großen „UNgehindert unterwegs“ Veranstaltungen in Köln, Düsseldorf, organisiert durch die ZSL Köln, in Kiel und Hamburg, organisiert mit der ZSL Nord, in Stuttgart organisiert von der ZSL Stuttgart und in Rostock organisiert von vom Verein Rostocker für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe wurde das Netzwerk UNgehindert als DPO konsequent als Graswurzelbewegung in Form von Spontankollektiven ausgebaut.

Logo Ungehindert e.V.

»Ungehindert DPO«

Seit dem 1. Juni 2018 ist die UNgehindert DPO nach deutschen Recht eine parteifähige Körperschaft nach §§ 21–79 BGB vertreten durch Rolf Allerdissen überparteilich tätig.

»Ungehindert e.V.« Ein eingetragener Verein gründet sich

Als Kumpan des Netzwerks wurde federführend von Rolf Allerdissen am 17.07.2019 der eigenständige Verein „Ungehindert“ gegründet. Aber warum entschied er sich mit vier ernannten UNgehindert-Inklusionsbotschafter aus dem von ihm gegründeten und über die Jahren finanziell und strukturell mit erheblichen privaten Mitteln aufgebauten Spontankollektiv UNgehindert heraus zusätzlich den Verein Ungehindert e.V. zu gründen? Und ist so das Konsensprinzip der Basisbewegung, bei der die Entscheidungen von allen Kollektivmitglieder trotz eventuell abweichender Meinung, bzw. ihrer Bedenken gegen die zu treffende Entscheidung getragen wird?

Sinn der Vereinsgründung war es ausschließlich durch eine anerkannte Gemeinnützigkeit leichter Spenden und Fördergelder zu generieren um Projekte in größeren Umfang zu stemmen. Die Präambel sah ebenso vor, dass die Führung und die Entscheidungen nur von Menschen mit Behinderungen getroffen werden können, damit der Charakter der Selbstvertretung nie verwässert wird.

Rolf Allerdissen als 1. Vorsitzender des Vereins, stets der Motor, erschaffte das Inklusionsprojekt REISEGRUPPE NIEMAND und konnte es mit einigen Mitstreitern umzusetzen. Als ab März 2020 die Corona-Pandemie Deutschland extrem ausbremste und Präsenzveranstaltungen unmöglich waren, krempelte er die Ärmel hoch und schaffte es in kurzer Zeit ca. € 11.000,00 Förder- und Spendengelder zu generieren. Er stampfte faktisch alleine u.a. Projekte zur direkten Förderung der Soforthilfe von Menschen mit Behinderungen aus dem Boden. Baute er ein Netzwerk an freiwilligen Nähhilfen auf um Alltagsmasken für die Zielgruppe zu produzieren und sie ihnen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Fuhr er trotz Widrigkeiten z.B. mit einem von der Volkswagen AG zur Verfügung gestellten Fahrzeug knapp vier Wochen lang kostenlose, frische Lebensmittel aus. Die aus Fördergeldern der AKTION MENSCH e.V selbst gekauften Lebensmittel erreichten knapp 200 Menschen mit Behinderungen direkt bis vor ihre Haustür.

Um das Netzwerk UNgehindert als DPO im Bereich der Antidiskriminierung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen professionell zu stärken entschied sich Allerdissen zum 1. September 2020, vier Jahre nach der Gründung eine gemeinnützige Gesellschaft zu gründen. Mit der haftungsbeschränkten Gesellschaft übernimmt das Netzwerk organisatorisch dem Rechtsstatus zur Verfolgung der Diskriminierung nach den Antidiskriminierungsrichtlinien der Europäischen Union und dem bundesdeutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz vom 18.08.2006 (vormals Antidiskriminierungsgesetz genannt) zugrunde liegt.

Rolf Allerdissen - PortraitAnfang Oktober legte er seinen Posten als 1. Vorsitzender des Vereins Ungehindert e.V. nieder um sich treu dem Motto „Reduziere dich zum Maximum“ durch konzentrierte Arbeit verstärkt zum Thema Benachteiligung durch UNgehindert – Gesellschaft für Antidiskriminierung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen zu widmen. Der Verein, finanziell und materiell gut ausgestattet, wurde den treuen Händen des 2. Vorsitzenden anvertraut. Eine weitere Zusammenarbeit über die Struktur der sozialen Medien wurde vom Verein abgelehnt, wohl um die eigene Arbeit anderes zu positionieren.

»UNgehindert« gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt)
Sitz der Gesellschaft: Leipzig | Gerichtsstand: Leipzig
Amtsgericht Leipzig: Registergericht HRB 38025
Finanzamt Leipzig II Steuernummer 231/124/01415
Geschäftsführer: Rolf Allerdissen
»UNgehindert« ist Mitglied des Netzwerk SEND e.V.
Logo SEND e.V.
Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin und ein Interessenverband der deutschen Sozialunternehmer-Branche. Gegründet wurde es 2017 als Repräsentanz und politische Stimme der Sozialunternehmen in Deutschland. Der Verband bietet Vernetzung für Sozialunternehmen, dem Sektor zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, sowie deren Interessen gegenüber der Politik vertreten. SEND kooperiert mit dem Bundesverband Deutsche Startups.
»UNgehindert« Denkfabrik – DPO Social Entrepreneurship

Ungehindert Denkfabrik LogoDie Gesellschaft ist ein junge, innovative Denkfabrik, der sich für eine menschenrechtsbasierte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen in Deutschland einsetzt. Wir suchen nach den Antworten auf die langfristigen Herausforderungen bei fehlender Barrierefreiheit in unserer Zeit.  Wir bieten Konzepte, Kontakte und die Köpfe für Ihre Agenda zur Umsetzung einer teilhaberorientiert inklusiven Gesellschaft. Sie versteht sich auch als basisdemokratische und konsensorientierte Struktur, da die gewöhnlichen lobbyistischen oder parteipolitischen Meinungsbildungsprozesse langwierig sind und oft nicht zum Erfolg führen.

»UNgehindert« Peers – Budget-Assistenz

Logo Ungehindert Peers

Ziel der Hilfestellung ist es, Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen die Förderung der Selbstbestimmung, Teilhabe und Gleichstellung durch Assistenzleistungen im Arbeitgebermodell mit einem „Persönlichen Budget“ zu ermöglichen. Weiterhin unterbreiten wir Ihnen auch Angebote, wie Sie sich zu diesen Themen mit anderen Menschen dazu vernetzen können.

Mit unserer Arbeit werden konkret die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen UN umgesetzt.

Beratung und Unterstützung vor und während der Antragsphase

• Beratung
• Hilfe bei der Erlangung der notwendigen Kenntnisse zu bestimmten Aspekten der Persönlichen Assistenz und des Persönlichen Budgets
• Planung der notwendigen Hilfen (Persönliche Zukunftsplanung)
• Aufstellung des personenorientierten Leistungsbedarfs
• Aufstellung einer Musterkalkulation
• Beantragung der Leistung beim Kostenträger
• Unterstützung und Begleitung bei Gesamtplankonferenzen
• Prüfung der Leistungsbescheide

II Beratung und Unterstützung vor und während der Inanspruchnahme der Leistung

• Zusammenarbeit mit einem Steuerberater
• Vertragsverhandlungen, -gestaltung mit Leistungserbringern (Dienstleistern, persönlichen Assistenten)
• Erstellen von Arbeitsverträgen
• Anmeldung der Assistenten bei der Sozialversicherung und dem Finanzamt
• Abrechnungen mit Leistungserbringern (Assistenten, Einrichtungen und Diensten)
• Kündigung von Arbeitsverträgen
• Lohnbuchhaltung
• Nachweis der Kosten gegenüber dem Kostenträger des Budgets

III Beratung und Unterstützung beim Einsatz des Persönlichen Budgets

• Akquise der Assistenzkräfte bzw. Dienste und Vorauswahl der Bewerber
• Unterstützung bei der Organisation und Koordination der erhaltenen Hilfeleistungen
• Gestaltung und Abstimmung der wöchentlichen Dienstpläne für die persönlichen Assistenten unter Berücksichtigung von Arzt und Therapieterminen
• Unterstützung bei der Beobachtung und Steuerung des Hilfeprozesses
• Hilfe bei der Vermeidung von Budgetüberschreitungen
• Unterstützung bei der Organisation und Kontrolle der Hilfeleistungen
• Planung des Urlaubsmanagements; Lösungen für Krankheitsausfälle
• Konfliktbearbeitung
• Buchführung, Dokumentation
• Unterstützung bei der Auswertung des Budgets
• Qualitätssicherung und Nachweis
• Unterstützung beim Erstellen des Verlängerungsantrag für das Persönliche Budget

Gesetzliche Grundlagen

In der am 01.Januar 2018 in Kraft getretenen Fassung des SGB IX ist das Persönliche Budget in § 29 geregelt.

Anspruch auf ein Persönliches Budget haben alle Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung Anspruch auf Unterstützung haben.

Voraussetzung ist, dass man Anspruch auf eine Rehabilitationsleistung hat. Den Antrag kann jeder behinderte oder von Behinderung bedrohte Mensch stellen – egal, wie schwer seine Behinderung ist. Auch für Menschen, die das Persönliche Budget auf Grund ihrer Behinderung nicht allein verwalten können, kommt ein Persönliches Budget infrage. Eltern können für ihre Kinder Persönliche Budget beantragen.

Die Budget-Assistenz ist ebenfalls im SGB IX, § 29 Abs. 2 Satz 6 geregelt: „Persönliche Budgets werden auf der Grundlage der nach Kapitel 4 getroffenen Feststellungen so bemessen, dass der individuell festgestellte Bedarf gedeckt wird und die erforderliche Beratung und Unterstützung erfolgen kann“.